ALS ICH VOR DEM SPIEGEL STEHE, DA WIRD ES MIR BEWUSST – vollständiger Text
Und darüber bin ich alles andere als amüsiert. Denn gerade, als mir das bewusst wird, tut es weh. Da zeigt sich alter Schmerz. Ich stehe vorm Spiegel, während ich mir in meine Augen blicke und immer wieder in den kleinen Vergrößerungsspiegel schaue, um meine Augen, wie immer, mit Kajal zu umranden. Damals, als meine Augen noch keine Brille brauchten, war es einfacher.
Im Hintergrund höre ich den Speaker weiter reden. Ein Seminar, das ich schon vom letzten Jahr kannte. Doch es bewegt uns, es noch einmal anzuhören, um unser inneres Feuer anzufachen, uns neu auszurichten, die Inhalte erneut tiefer sacken zu lassen. Es geht aufs Ende zu, weshalb ich ins Bad ging, um mich frisch zu machen.
Immer wieder schaue ich auf, in den großen Spiegel. Meine Augen waren gerade wieder trocken und ich spüre, wie sie wieder feucht werden, als mich diese bewusst gewordene Erinnerung gepaart mit dieser so wichtigen Erkenntnis wieder durchflutet.
Ja, das ist vielleicht sogar der Grund, warum ich mich jeden Tag vor den Spiegel stelle und mich zurecht mache, mich ein wenig ausdrucksstärker mache, mich pflege, um etwas auszustrahlen, etwas Gutes, Schönes auszustrahlen. Ich liebe Ausstrahlung. Doch ich war mir innerlich meiner Ausstrahlung bisher nie wirklich bewusst.
Ich habe nie sehr weit gestrahlt. Es blieb begrenzt auf mein sicheres, unmittelbares Umfeld. Und nur dann, wenn ich mich zeigte. Weil ich mich bisher lieber versteckt habe. Wenn ich auf mein Leben zurück blicke, überwiegen die Tage, an denen ich mich versteckt habe und nur für mich war. Viele Chancen, die ich nie ergriffen habe. Viele Möglichkeiten, an denen ich schon viel früher hätte wachsen können. Aber das bereue ich nicht.
Eben noch saß ich wie gefesselt vor dem Bildschirm, gefesselt von den Worten meines Mentors, der Klartext sprach. Ich habe diese Worte fast ein Jahr zuvor bereits gehört. Doch jetzt sacken sie noch eine Etage tiefer. Sie berühren mein Innerstes und spülen diese Bildfetzen aus meiner Vergangenheit hoch. In dem Moment, als ich mich im Spiegel anblicke, erkenne ich es:
Immer, wenn ich mich nach außen hin schwach zeigte, wurde ich seltsamerweise nie aufgefangen, sondern überrascht oder fragend angeschaut. Das hat mich damals irritiert und auch enttäuscht und mich dazu gebracht, immer seltener Schwäche nach außen zu zeigen.
Ich merkte irgendwie, dass das nicht angebracht war. Es war etwas, das ich nicht nach außen transportieren sollte. Als ob es mir nicht erlaubt war, in diese Rolle zu schlüpfen. Als ob es mir nicht erlaubt war, nach außen hin schwach zu sein. Es sollte irgendwie nicht in dieses Leben passen. Ich merke, ich finde keine passenderen Worte. Es war, als ob mein Umfeld, das Leben, mir sagen sollte: Hey, reiß dich zusammen und sei endlich mal stark!
Ich erinnere mich an ein Wochenendseminar, an dem es in einem Stehkreis darum ging, mutig in die Mitte zu gehen und seine tiefsten Emotionen raus zu lassen. Es ist Frühling in den Neunziger Jahren. Ich bin ca. 24 Jahre, junge Mutter meines ersten Sohnes, fühle mich einsam und unzufrieden. Ich bin mutig und besuche diesen Kurs der Gestalttherapie. Ich will herausfinden, was mit mir los ist, was noch möglich ist, wer ich bin.
Ich erinnere mich wie heute, wie ich wie hypnotisiert und angefixt von meiner Vorgängerin, die gerade so viel Lob für ihre Wutausbrüche erntete, mich in den Kreis bewege und an den Menschen vorbei gehe, ihnen in die Augen schaue und zum ersten Mal meinen Gefühlen freien Lauf lasse. Ich schreie, schimpfe, zeige meine Wut. Ich lasse meine Verzweiflung raus, meinen Frust…
… und dann…damit hatte ich nicht gerechnet: Kein Jubel, kein Lob, keine Anerkennung. Alle schweigen, manche schauen entrüstet, als ob ich etwas Schlimmes getan hätte. Und ich fühle mich noch mieser als vorher. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch einmal einen Fuß in diesen Gruppenraum gesetzt habe. Ich erinnere mich nicht mehr. Ich erinnere mich nur an die Enttäuschung, wieder nicht gesehen, nicht verstanden worden zu sein. Allein gelassen worden zu sein mit all meinem Schmerz, den scheinbar niemand auffangen konnte.
Jahre sind vergangen und mein Leben hat im Laufe der Zeit riesige Wenden genommen. Ich bin weiter gekommen in meiner Entwicklung, hin zu mir selbst. Doch fühle ich mich gerade erneut genau dort, wo ich damals, vor ca. 33 Jahren gestanden hatte.
Nur mit dem Unterschied, dass mein Seelengefährte, Richie nun all meinen Frust abbekommt. Er gibt mir sogar ein Kissen, in das ich meine Wut, die ich selten habe, hinein schreien kann. Ich schreie, ich verprügle das Kissen, ich weine, schluchze, atme. Und ärgere mich darüber, dass meine Mascara nicht wasserfest ist. So etwas ist nichts für Heulsusen. Meine Augen brennen und ich brauche dringend ein Taschentuch.
Ich stelle frustriert fest, dass ich immer wieder, immer wieder, seit vielen Jahren in diesen Tälern, in diesem Sumpf lande. An einem Punkt ankomme, der mir sehr vertraut ist. Da, wo ich wieder alles infrage stelle. Wo ich an mir, an meinen Ideen, an der ganzen Welt zweifle und verzweifle.
„Wie kann das sein?“, fragt es in mir. „Was muss ich noch alles tun, damit das endlich ein Ende hat?“ „Wie kann ich denn andere Menschen berühren, inspirieren und stärken auf ihrem Weg, wenn ich nicht selbst in meiner vollen Kraft stehen und auch stehen bleiben kann?“
Doch, um an den Anfang zurück zu kommen, ganz wichtig, denn es ging um die Erkenntnis, die ich hatte, als ich vor dem Spiegel stand. Ich habe plötzlich kapiert, dass andere in mir immer mehr sahen, als ich selbst. Ich habe etwas anderes ausgestrahlt, als wie ich mich selbst innen gefühlt habe. Ja, soetwas gibt es auch.
So ähnlich wie ein 3 oder 4jähriges Kind, dass zu groß ist für sein Alter, aber noch gar nicht so alt ist. Doch die Menschen erwarten von diesem Kind, dass es sich entsprechend eines vermuteten 5 oder 6jährigen verhält und wundern sich, dass es das nicht tut. Mag sein, dass der Vergleich etwas seltsam ist. Aber vielleicht verstehst du es trotzdem, was ich damit meine.
Ich habe kapiert, dass das der Grund dafür war, dass andere verwirrt waren, wenn sie mich schwach erlebten. Das passte für sie nicht. Denn ich war doch diejenige, die sie gerne um Rat fragten, ich war diejenige, die ihren Geschichten und Nöten so gut lauschen konnte, ich war diejenige, die eine so wohlige Ruhe ausstrahlte, ich war auch diejenige, die sehr lustig sein konnte und tolle Ideen hatte.
Doch schwach sein, rumknatschen oder sogar wütend sein, da war mein Umfeld überfordert. Nun, ich hatte kein besonders förderliches Umfeld, das stelle ich heute ebenso fest. Oder war es das doch? Es war jedenfalls kein Umfeld, in dem ich gesehen wurde, wie ich wirklich bin. Aber es war ganz sicher ein Lern-Umfeld. Nun, das ist ein anderes Thema.
Ich war mit einer anderen Rolle auf die Erde gekommen, der ich mir damals nicht bewusst war. Ich hab mich oft einfach nur klein gefühlt. Nun, heute sehe ich mich an, bereit, meine nächsten Schritte zu gehen, mehr von mir zu zeigen, dir mehr von mir zu geben, mehr aus meinem Leben zu machen, lausche meinen Mentoren, bekomme alles Handwerkszeug, dass es dafür braucht und doch lande ich wieder in diesem Sumpf.
Und ich verstehe es nicht. Beim besten Willen, ich verstehe es nicht. Ich stehe auf dem Sprungbrett, bereit loszuspringen und merke Fesseln und Betonklötze an meinen Füßen. Kein schönes Gefühl.
Ich habe ein weiteres Seminar verfolgt gestern und heute, um mich noch klarer zu positionieren und könnte stattdessen ständig nur drauf los heulen.
Löst sich da etwas oder ist das Verzweiflung?
Ich weiß nicht, was los ist. Im Moment jedenfalls nicht. Was ich tun kann, ist, diese Worte hier zu schreiben, mich zu sortieren und diesen Lebensmoment mit dir zu teilen. Kann das für andere hilfreich sein, wenn ich hier soetwas schreibe? Ja, es kann.
Denn ich weiß, dass es dich oder dich berühren wird. Ich weiß, dass es immer wieder gut tut und auch tröstet, zu erfahren, dass es für andere auch immer wieder schwierig ist im Leben. Und dass auch andere manchmal einfach keine hilfreichen Antworten haben.
Und auch das kann Menschen stärken, in der Weise, dass sie sich verstanden und dadurch besser fühlen. In der Weise, dass es andere dazu bewegen kann, ebenfalls nicht den Kopf in den Sand zu stecken, sondern weiter zu machen. Immer weiter.
Denn das ist die beste Möglichkeit, die einem bleibt. Weiter machen. Bewusster werden. Tiefer, wahrhaftiger werden. Reicher an Erfahrungen werden. Immer mehr bei sich selbst ankommen. Durch Freude, aber auch durch Schmerz.
Vielleicht ist der Knoten ja bald endlich geplatzt. Vielleicht kann ich dir im nächsten Post erzählen, wie diese Geschichte sich fortgesetzt hat.
Und heute erinnere ich dich und mich selbst daran: Das Leben hält für uns mehr bereit, als unser Kopf denkt. Und: Aufgeben ist keine Option.
Ich umarme dich
Deine Olivia
