DAS LEBEN – ABSCHNITTE, ABSCHIEDE, NEUBEGINNE – vollständiger Text
Nichts soll für immer festgehalten werden. Denn der Wunsch, das Gewesene festzuhalten, erzeugt Leiden. Es ist nicht die Veränderung, die ansteht, sondern das Festhalten, das uns das Leben schwer macht.
Es gibt nichts, dass wir für immer festhalten sollten. Weder Beziehungen, noch Überzeugungen, noch irgendwelche Sicherheiten und auch keine Lebensphasen.
Festhalten wird von Angst getrieben und verhindert die Entfaltung im Neuen. Wer in der Vergangenheit festhält, kann sich nicht entfalten, nicht entwickeln, nicht mit dem Leben fließen und wandeln.
Abschied bedeutet nicht Verlust. Eine alte Türe schließt und eine neue Türe öffnet sich zugleich.
Wenn wir innerlich wachsen wollen, dürfen wir immer wieder Vertrautes hinter uns lassen und neue Ebenen betreten.
Heimat bekommt dadurch eine neue Bedeutung. Sie wird dann weniger ein bestimmter Ort oder ein Zustand, sondern die Fähigkeit, immer wieder weiter zu gehen.
Immer dann, wenn wir plötzlich erleben, dass unser bisheriges Leben nicht mehr selbstverständlich und nicht von Dauer sein kann, weil unsere Kraft schwindet, weil unsere Gewohnheiten nicht mehr dienlich für uns sind, weil unsere vermeintlichen Sicherheiten wegfallen oder bedroht sind, wenn das Vertraute, das so stabil erschien, auf einmal verschwindet, ist darin keine Tragödie zu sehen, sondern der Zauber der Wandlung enthalten. Die Möglichkeit, neue Erkenntnisse zu gewinnen, neue Ebenen zu erreichen….
Nichts ist selbstverständlich oder von Dauer. Nichts. Und doch leben wir oft so, als würde es so sein, bis wir plötzlich erneut vor einer neuen Türe stehen.
Vergänglichkeit ist keine Bedrohung. Alles hat seine Zeit. Jede Lebensphase hat ihre eigene Bedeutung, ihre eigene Wahrheit und ihren eigenen Wert. Und sie darf, nein sie muss irgendwann enden.
Manchmal zwingt uns das Leben, unsere Pläne wieder loszulassen. Manchmal zwingt es uns, unsere Ansichten, ja sogar unser Bild über uns selbst neu zu überdenken.
Das Leben ist ein Wechselspiel zwischen Festhalten und Hingabe, zwischen Resignation und innerer Beweglichkeit.
Wir haben immer wieder die Kraft, selbst wenn alles verloren scheint, uns dem Leben erneut zuzuwenden.
Manchmal geschieht Heilung genau dadurch, dass wir unsere Vergangenheit loslassen und uns innerlich verwandeln zu lassen.
Das Leben verlangt nicht von uns, dass wir alles bewahren. Es verlangt von uns, dass wir immer wieder bereit werden, uns verwandeln zu lassen. Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo wir aufhören, unbedingt zu dem zurückkehren zu wollen, was einmal war.
Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ erzählt genau davon. Über die Kunst des Loslassens und über das Vertrauen, dass jeder Abschied zugleich Raum für einen neuen Anfang schafft, dem jeweils eine eigene Kraft innewohnt.
Innerer Frieden entsteht nicht dadurch, dass sich nichts mehr verändert, sondern dadurch, dass wir mit der Veränderung nicht mehr kämpfen müssen.
Ich finde, dieser Inhalt passt so gut in diese Zeit, wie damals, mitten im 2. Weltkrieg, als Hesse dieses Gedicht nach schwerer Krankheit schrieb.
Und ich erinnere dich: Das Neue hält mehr Gutes für dich bereit, als dein Kopf denkt.
Ich umarme dich
deine Olivia
Stufen
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse
