DIE RISSE IN DEINEM LEBEN – vollständiger Text
In Japan gibt es eine Tradition namens Kintsugi. Eine Jahrhunderte alte Reparaturmethode für Keramik, mit der Risse wieder zusammen geklebt werden und nicht nur das: Die Bruchstellen werden mit Gold verziert und absichtlich hervorgehoben. Zerbrochene Teeschalen, Vasen oder Teller werden nicht weg geworfen sondern mit „Goldverbindung“ wertvoller gemacht, um die Schönheit des Einfachen darzustellen.
Wenn ich uns Menschen mit diesen Teeschalen vergleiche und all die Risse, die wir bekommen haben durch negative Glaubenssätze, Prägungen, unsere Erfahrungen und Erinnerungen… wäre es doch schön, wenn auch unsere Risse, die uns nicht haben kaputt gehen lassen - denn wir sind immer noch hier - , wenn auch sie golden sichtbar werden dürfen.
So wie unsere Falten und Narben an unserem Körper uns zeichnen. Als Zeichen dafür, dass wir „unkaputtbar“ sind und dass unsere Risse sichtbar werden dürfen, weil wir sie angenommen haben als wichtige Lektionen für unser eigenes Leben. Dass wir mit diesen Rissen wertvoller sind als vorher.
Mir laufen gerade so einige Risse vor meinem inneren Auge ab. Viele davon habe ich bereits in die Heilung, in die Transformation gebracht und kann sie lächelnd anschauen. Andere zeigen mir, dass ich sie noch neu kleben und verzieren darf.
Wenn ich meine Risse als Ressource nutze, als wichtige Erkenntnis, die ich daraus gezogen habe, dann hole ich sozusagen meine Kindheit nach. Ich wachse an meiner Vergangenheit und gehe nicht daran zugrunde und dann kann ich die Freude erleben, die mir damals verwehrt geblieben ist.
Wie heißt es so schön: Es ist nie zu spät, um eine glückliche Kindheit zu haben.
Kann ich dankbar sein für diese Risse und Furchen, die mein Leben mir hinterlassen hat? Ja, das ist möglich. Meine Risse und Furchen zeigen mir, woran ich wachsen darf, was ich neu kreieren darf, was ich wandeln darf.
Welche Risse sind das bei mir? Zum Beispiel so Glaubenssätze, wie: Ich bin nicht gut genug. Das Leben ist ein Kampf. Das kann ich mir nicht leisten. Andere sind schneller, selbstbewusster und erfolgreicher als ich. Die Rücksichtslosen haben keine Probleme, ihre Ziele zu erreichen.
Oder so Prägungen, wie: Sei besser leise und unsichtbar, dann kann dich niemand zurück weisen, ausschimpfen, angreifen. Ich werde eh nicht verstanden. Wenn ich mich anpasse, komme ich besser durchs Leben…..
Oder so Erinnerungen, wie: Wer laut und rebellisch ist, der kriegt eins auf die Nase, der macht sich unbeliebt. Es gibt keine glückliche Partnerschaft, alle tun nur so, als ob. Wasser ist gefährlich, ich wäre fast ertrunken...
Nun, ich kann aus all den Prägungen, Glaubenssätzen und Erinnerungen ein neues Leben aufbauen, indem ich sie deutlich hinterfrage, erkenne: Ok, du gehörst zu meiner Vergangenheit. Heute lehrst du mich, dass ich genau das umkehre ins Gegenteil. Heute darfst du dich wandeln in eine Prägung, die mir gut tut und mich weiter bringt.
Bei mir war das Thema der Anpassung, des Unsichtbar Bleibens, sehr stark ausgeprägt. Ich habe heute noch damit zu tun. Weil meine kleine Schwester so rebellisch war und ich die Rolle der braven, angepassten vorbildlichen Schwester hatte, lernte ich, dass es nicht gut ist, aus der Rolle zu fallen, unangepasst und laut zu sein. Heute sehe ich das ganz anders und ich bewundere meine kleine Schwester dafür, dass sie sich damals schon getraut hat, über all die misslichen Umstände laut zu brüllen und in den Widerstand zu gehen. Aber vielleicht hatte sie gar keine Wahl. Denn ich hatte ja die Rolle der Braven, Angepassten schon besetzt.
Ich hatte eine andere Überlebensstrategie: In meine eigene Welt flüchten, von außen so wenig wie möglich mitzubekommen, unberührt zu bleiben von all dem, das mich zu sehr belastet hätte und mich einfach still zu verstecken.
Aber meine Schwester, die war sichtbar. Sie war weder zu überhören, noch zu übersehen und sie hatte viele Kontakte, viele Freunde, hat da draußen vielleicht sogar mehr erlebt, als ich in meinem stillen Kämmerlein mit meiner Barbypuppe und meiner Musik. Ich hatte nur wenige Freunde, wenige Abenteuer und bekam nicht so schnell ein dickeres Fell, um mit Rückschlägen besser umzugehen.
Im Laufe meines Lebens habe ich dann doch gelernt, die unangenehmen Themen an mich ran zu lassen und nicht in den Widerstand zu gehen, aber sie anzuschauen, anzunehmen und aufzulösen. Das war das Wichtigste, das ich tun konnte, um gesund zu bleiben und heute glücklich sein zu können. Es ist nie zu spät und du bist nie zu alt! Ich beginne, diesen Satz zu lieben!
Auch jetzt beschäftige ich mich mit meinen Rissen, die da noch sind, die ich noch kleben und mit Gold verzieren darf, damit ich sie sehen und wertschätzen und aus ihnen neue Werte kreieren kann. Da sind noch einige in meinem Rucksack, den ich auf meinem Rücken trage.
Wie sieht es mit deinen Rissen aus? Kannst du sie sehen? Kannst du sie sichtbar machen? Kannst du sie mit Gold verzieren und dankbar lächelnd drauf schauen? Welche Risse haben dich besonders geprägt oder herausgefordert? Schreibe es gerne in unseren Chat.
Erinnere dich: Deine Risse machen dich zu einem goldenen Unikat und damit wirst du wertvoller, als dein Kopf denkt.
Ich umarme dich
deine Olivia
