DU WEISST NICHT, WAS EINE „GUTE“ MUTTER IST! – vollständiger Text
Kennst du diesen Satz: „Ja, aber ich war oder bin doch eine gute Mutter!“
Denkst du dabei an deine eigene Mutter oder an dich selbst?
Das klingt meist, wie eine Rechtfertigung oder wie ein verzweifelter Versuch, sich selbst zu schützen. Wovor denn schützen? Vor Schuldgefühlen.
Ich behaupte, oder anders gesagt, ich gehe davon aus, dass jede Mutter dieser Welt sich irgendwann fragt, ob sie alles „richtig“ und „gut“ gemacht hat. Oder selbst, wenn es für sie unnötig wäre, diese Frage zu stellen, sie Schuldgefühle in sich trägt.
Auch ich trug sie in mir, ganz tief in mir. Irgendwann kamen sie an die Oberfläche. Rückblickend als die, die ich heute bin, würde ich Einiges anders machen.
Was fatal ist: Egal, wie gewissenhaft oder auch nicht. Egal, wie herzlich oder kopfgesteuert. Egal wie bewusst oder unbewusst. Egal, wie ich meine Mutterschaft gelebt habe:
Ich habe zwar immer „mein Bestes“ gegeben, also das, wozu ich in dieser Zeit imstande war. Doch ich kann nie wissen, ob das für mein Kind genau so förderlich war. Ganz egal, wie gut ich glaubte, mein Kind zu kennen. Ich kann nicht wissen, wie mein Kind das erlebt und wie es mein Kind geprägt hat.
Erst rückblickend kann ich, kannst du als Mutter vielleicht das eine oder andere erkennen. Oder wir erleben es auf die schmerzliche Weise, wenn uns das erwachsene Kind Vorwürfe macht, uns kritisiert oder gar beschimpft in späteren Jahren.
Ich glaube, da sind viele Mütter oft erst schockiert und völlig perplex. Sie sind verunsichert. Ihre Schuldgefühle werden getriggert oder aber sie fühlen sich völlig zu Unrecht beschuldigt.
Der größte Wunsch einer Mutter ist es doch aus meiner Sicht, von ihren Kindern zu erfahren, dass sie alles richtig und gut gemacht hat. Dass ihre Kinder sie als „gute“, na, am liebsten als „beste“ Mutter der Welt erlebt haben. Und den Beweis dafür nicht nur in ihrem Verhalten ihr gegenüber zu erfahren, sondern darin zu erkennen, dass das Kind später mit sich und seiner Welt gut zurecht kommt und ein glückliches Leben führt.
Ich selbst hatte zwei super unterschiedliche Kinder. Das erste war als Baby anstrengend, aber später ein beliebtes Vorzeigekind, das ich überall hin mitnehmen konnte. Das zweite war als Baby pflegeleicht, doch später chaotisch und jedem zu anstrengend. Hätte ich mein zweites Kind als erstes Kind bekommen, ich hätte an meinen Fähigkeiten als Mutter wahrlich gezweifelt, weil es so viele Herausforderungen gab, die mich verzweifeln ließen. Und ich wollte immer alles richtig machen. Ich stand unter Dauerstress.
Damals hat mich ein Satz sehr beruhigt. Ich las ihn in irgendeinem Text.
„Wir haben zu 50% Einfluss auf die Entwicklung unserer Kinder. Für die restlichen 50% können wir nichts.“
Diese Aussage kann natürlich je nach Situation positiv oder negativ sein.
Aber mich haben diese Worte damals irgendwie erleichtert. Ich kann gerade gar nicht erklären, warum das so war.
Wenn es um die Frage geht, was eine „gute“ Mutter ist, behaupte ich jetzt frech: Die gibt es nicht. Muttersein war für mich die schwierigste und herausforderndste Rolle, die ich auf dem Spielfeld dieses Lebens hatte. Sie fordert alles. Nein, es war nicht nur anstrengend und schrecklich. Es war auch erfüllend, bereichernd, unvergesslich und zutiefst berührend.
Aber dennoch ist dieser Job, übrigens auch für verantwortungsvolle Väter, der schwierigste, den es gibt. Das behaupte ich und dazu stehe ich.
Denn es ist so viel mehr, als dem Kind beim Anziehen zu helfen, das Geschrei auszuhalten, seine Wunden zu säubern, sein Zimmer schön einzurichten, es in die Selbstständigkeit zu führen.
Es ist gleichzeitig, die eigene Vergangenheit wieder zu erfahren, nur im Rollentausch.
Damals das Kind, jetzt das Vorbild, die Mutter. Und niemals die Kontrolle darüber haben zu können, alles zu durchschauen und niemals immer die Starke sein zu können.
Da fließen so viele Lebensgeschichten und Zeitlinien durcheinander und da hindurch, durch diese Zeit. Da komme ich regelmäßig an meine Grenzen, sehe, wie ich meine Mutter kopiere, fühle, wie alter Groll hochkommt, Unsicherheit, Verwirrung, Vermeidungsstrategien, nicht so werden wollen, wie die eigenen Eltern es waren. Alles besser, anders machen zu wollen und an seine Grenzen zu stoßen.
Meine Schatten in den verwundbarsten Momenten anzuschauen. Mir einzugestehen, dass ich gerade schwach bin, dass ich nicht anders kann. Ja, und es auch manchmal zu hassen, diese undankbare „A….Mutter-Rolle“ zu haben. Du musst dich unbeliebt machen, Grenzen setzen, Klartext reden, Vorbild sein….wenn das in solchen Momenten keine A-Rolle ist….
Zu ertragen, zu erleben, dass die Kinder immer nur die Mutter in mir sehen und nicht auch die sehen, die ich selbst fühle, die ich auch noch bin.
Und Jahre später dann interessante oder manchmal schockierende Parallelen zur Ursprungsfamilie zu erkennen. Zu entdecken, welche Wahrnehmungsverzerrungen, Verstrickungen oder ungelösten Konflikte ans Tageslicht kommen können. Zu erfahren, wie mein Kind die Vergangenheit aus seiner Sicht ganz anders wahrgenommen hat als ich selbst und welche Welten dazwischen liegen.
Darum passiert dieser Schock, den so manche Mutter, manchen Vater, völlig aus der Bahn werfen können mit so vielen Fragezeichen, wenn völlig andere Wahrheiten aus den Mündern ihrer Kinder kommen über die gemeinsame Vergangenheit.
Doch wenn der Mut und die Bereitschaft da sind, hinzuschauen und zu erkennen, wo es herkommt oder einfach zu erkennen, dass wir oft nur Konflikte weiter tragen und ausleben, die gar nicht die unseren sind. Dass es etwas ist, dass sich vielleicht über viele Generationen immer wiederholt, dann kann ich immer noch eine gute Sache tun: Heilarbeit. Zum Beispiel durch Familienstellen.
Ich habe damals einige gemacht und es ist Vieles in die Auflösung gekommen.
Und wenn du dich jetzt fragst, wie du eine gute Mutter sein kannst:
3 Dinge:
1. Sorge gut für dich, opfere dich nicht auf, bleibe in deiner Kraft, nimm nichts persönlich.
2. Sei authentisch. Spiele nichts vor und mache dich auch unbeliebt, wenn es deine Rolle fordert. Deine Kinder müssen dich auch mal „hassen“ dürfen. Lieben tun sie dich umso mehr, je klarer und ehrlicher du bist.
3. Löse auf, was du selbst noch mit dir und deinen Eltern und Ahnen zu klären und aufzulösen hast. Denn alles, was du für dich löst, müssen deine Kinder nicht mehr tragen.
Ich glaube, wenn du nur diese drei Dinge dir zu Herzen nimmst, dann bist du aus meiner Sicht nahe dran, eine hilfreiche Mutter zu sein. Perfekt wirst du niemals sein.
Und wie deine Kinder dir als Erwachsene entgegen treten, zeigt dir in vielen Fällen die Wahrheit über eure Verbindung. Was nicht bedeutet: die Wahrheit über dich.
Du, ich, unsere Eltern haben immer ihr und unser Bestes gegeben.
Und wenn wir oder unsere Kinder das so nicht sehen können, dürfen wir uns noch in Vergebung üben. Was bedeutet: Erkennen, dass es nicht anders möglich war, dass jeder in seinem eigenen Lebensfilm gefangen war. Was nicht bedeutet: Alles gut reden.
Darum finde ich es umso wichtiger, solche Spiralen zu durchbrechen, Tragödien, ungelöste Dramen aus der Ahnenreihe. Damit endlich Frieden sein kann.
Niemand hat gesagt, dass es leicht ist. Mutter-Sein gehört dazu. Vater-Sein ebenso.
Erinnere dich: Du kannst mehr bewirken als dein Kopf denkt.
Ich umarme dich
deine Olivia
P.S. Vater- und Mutter-Sein ist meiner Meinung nach der schwerste und wichtigste Job auf dieser Welt. Denn wir Eltern prägen die Generation der Zukunft.
Herzliche Grüße
Richie
P.P.S.: Du bist eine bessere Mutter, ein besserer Vater, als dein Kopf denkt. ;-)
