DER SCHOCK AM FRÜHSTÜCKSTISCH – BIN DAS WIRKLICH ICH? – vollständiger Text
Ich war, ehrlich gesagt kurz innerlich schockiert, als Richie mir in die Augen lächelte mit den Worten: Jetzt bleibe doch sitzen. Du musst mir nicht gleich den Weg frei räumen. Da bist du immer noch echt konditioniert, was?
Uupps! Was sagt er da? Und er hatte Recht. Es fiel mir zum ersten Mal so richtig auf. Wir sitzen in unserem Van-Zuhause und der Frühstückstisch war noch gedeckt. Ein kleiner Tisch, eine ausgezogene Schublade, die Richie eingebaut hatte und auf der ein großes Schneidebrett aus Bambus als Tischplattenverlängerung liegt. Wenn der Tisch so hergerichtet ist, dann ist der Weg, also der kleine Gang in unserem Van-Wohnbereich nicht passierbar.
Der Tisch ist also noch gedeckt. Richie ist gerade nicht so fit und sagt zu mir: Du, ich lege mich jetzt gleich nochmal hin, ich bin noch müde. (hahaha, jetzt gleich….das sagen wir immer noch so oft ;-))
Und ich, obwohl ich noch meinen letzten selbstgebratenen Brotbratling, belegt mit Avocadoscheiben, meinem geliebten Kala Namak Salz und frischen Wildkräutern von nebenan auf meinem Olivenholzfrühstücksbrett liegen habe und meine Kaffeetasse noch halbvoll ist, springe ich auf, um den Tisch frei zu räumen, damit Richie gleich den Weg frei hat in Richtung Bett!
Und an dieser Stelle kam dann seine Aussage vom Anfang! Nach dem kleinen Aha-Schockmoment dachte mein Kopf sofort: Ja, aber das mache ich doch gerne. Ich bin doch so. Ich war immer schon hilfsbereit, das bin ich.
Und ich sprach es aus. Doch ich fügte dem hinzu: Hmm, ich kann jetzt tatsächlich nicht sagen, wie viel Konditionierung und wie viel echte Herzensgüte in Form meiner Hilfsbereitschaft da wirkte. Kann ich nicht.
Richie meinte: Du warst doch immer so. Solange ich dich kenne, bist du so. Und manchmal übertrieben hilfsbereit. Besonders wenn es um deine Söhne geht. Du hast immer sofort funktioniert, für deinen Ex, für deine Kinder, für deine Nachbarn, für deine Eltern….ist es nicht so?
Und ich schwieg und ließ die inneren Bilder vor meinem inneren Auge hochkommen und vorbeiziehen wie den heißen Dampf meines Kaffees vor meiner Nase. Ja, ich habe funktioniert und mich selbst oft dabei vergessen. Und noch krasser: Ich habe mich über dieses Verhalten definiert und habe gedacht: Das bin ich, so bin ich!
Aber auch, und das erkenne ich ganz klar: Meine Hilfsbereitschaft war verbunden mit dem inneren Wunsch nach Anerkennung, Liebe und ein guter Mensch zu sein! Oh, ja.
Also, 10 Gummipunkte für meinen Schatz, der mal wieder einen blinden Fleck zu einem sichtbaren gemacht hat! Jep! Ok, zwischendrin meinte mein Kopf noch mit Zahlen zu jonglieren, das tut er gerne, wenn es um Einschätzungen geht: Na, vielleicht bin ich gerade noch zu 20% konditioniert, aber 80% dieser liebevollen hilfsbereiten Gesten bin ich selbst!!
Wir lachten beide und ich schaute ihm liebevoll in seine blauen müden Augen: Ich bin so gerne für dich da! Es ist mir eine Freude! Das bin ich. Aaber, du hast vollkommen Recht: Ich muss nicht gleich aufspringen und du bist auch selbst in der Lage, dir deinen Weg frei zu räumen!
Genau!, meinte er und ich blieb gemütlich sitzen und nippte an meinem duftenden Kaffee!
Na, erkennst du auch bei dir so eingepflanzte Konditionen, die so sehr mit dir verwachsen sind, dass du sie nicht mehr oder kaum noch als solche erkennst? Schreibe es gerne in den Chat!
Erinnere dich, du trägst mehr Konditionierungen in dir, als dein Kopf denkt!
Ich umarme dich
deine Olivia
