Spieglein Spieglein an der Wand – vollständiger Text
Wie ist die Lage da draußen, in meiner Welt? Oder sollte ich besser fragen: „Wie sieht meine Innenwelt aus?“ Könntest du dir diese Frage überhaupt beantworten?
Schau dich um! So wie es in deiner Außenwelt gerade aussieht, so ist es in dir drin. So wie es in meinem Umfeld gerade aussieht, so ist es in mir drin. Für mich eine Tatsache, die immer greifbarer wird.
Ich erkenne es an meinem Wohlgefühl oder an meinem Unbehagen, an meinem gesundheitlichen Befinden, an den Menschen, die um mich herum sind, wie sie mir begegnen. Ich erkenne es auch an meinem Kontostand und erkenne es an meinen Lebensumständen.
OMG? Könntest du jetzt denken. Das kann nicht sein! Die spinnt sich was. Was kann ich dafür, dass es mir hier gerade schlecht geht? Das liegt nicht an mir, ich tu doch alles, ich tue doch genug. Das ist unfair und falsch, was hier passiert.
Oh, ich verstehe dich sehr gut, wenn du das jetzt denken solltest.
Genau das alles und noch viel mehr habe ich auch viele Jahre gedacht. Genau so habe ich Menschen oder Schriften verurteilt oder als falsch abgestempelt, weil ich das nicht glauben konnte und weil ich diesen Schutz für mich benötigte, um nicht noch tiefer zu fallen, mich nicht noch schlechter zu fühlen, als es ohnehin schon war.
Wer will das schon. Niemand. Und ich war damals nicht falsch. Niemand ist falsch, wenn er an dieser Stelle steht. Ich war nur unbewusst, verdeckt von lauter falschen Schichten, die mir andere Wahrheiten vorgaukelten. Und vor allem war ich nicht in meiner Selbstliebe, war ich noch sehr weit von meinem inneren Kern entfernt.
Dieser symbolische Moment aus dem Märchen, in dem die böse Königin vor diesem Spiegel steht und ihn nach der Wahrheit fragt, er ist fundamental wichtig. Da macht es in mir „Klick“ und „Ja, so ist es“ – meine Außenwelt ist mein Spiegel. Sie ist der Spiegel all meiner Entscheidungen aber auch all meiner Themen, die ich in mir trage.
Und weißt du, warum es so schwer zu glauben oder zu durchschauen ist?
Weil es uns oft und manchmal lange nicht bewusst ist. Je weniger wir uns mit uns selbst beschäftigen, uns mit unseren blinden Flecken, diesen tief vergrabenen Themen, Blockaden und auch Traumas und Glaubensmustern beschäftigen, umso weniger wissen wir über uns selbst Bescheid. Und umso unglaublicher oder unglaubwürdiger klingt es.
DA fällt mir gerade Loriot ein, in der Sszene mit Evelyn Hama, als er an diesem Tisch sitzt und diese Nudel auf seiner Nase hat und es nicht bemerkt. Oder, hast du das schon erlebt, da hat dich jemand gefilmt und zeigt dir dieser Film und du denkst: Oh, mein Gott, wie schau ich denn da oder wie stehe ich denn da, wie sitze ich da, wie bewege ich mich denn da? Es war dir nicht bewusst. Und so geht es uns allen. Uns ist vieles einfach noch nicht bewusst. Weil wir noch nicht zum Beobachter unserer Selbst geworden sind.
Wir können den Zusammenhang zwischen Außenwelt und Innenwelt einfach nicht erkennen.
Wir haben so viele Schutzprogramme und Ersatzbefriedigungen für uns gefunden, um all das zu überdecken, was unangenehm und ungelöst ist, dass wir es nicht mehr wahrhaben, nicht mehr als Wahrheit erkennen.
Wahrheit tut bekanntlich auch manchmal sehr weh. Je weiter ich mich von meiner Wahrheit entfernt habe, umso mehr schmerzt es, wenn ich mit ihr konfrontiert werde.
Und für mich ist es heute noch so, dass ich verwundert bin und denke: Oh, ok, das habe ich wohl in mein Leben gezogen. Da habe ich was richtig gemacht, das ist das Ergebnis meiner inneren Aufräumarbeit und meiner Bewusstwerdung.
Oder auch umgekehrt, da habe ich was übersehen, da habe ich noch blinde Flecken, da darf ich mal näher hinschauen, warum das jetzt in mein Leben gekommen ist.
Das Blinde-Kuh-Spiel, wie ich es manchmal gerne scherzhaft nenne, ist noch nicht vorbei. Doch umso freudvoller die Momente, wenn sich wieder ein Nebel gelichtet hat und ich klarer sehen und fühlen kann.
Es ist manchmal echt unangenehm und anstrengend, sich auf diese Weise von all dem zu lösen. Aber im Grunde ist es einfach. In den Spiegel zu schauen und an dem, was mir im Außen gespiegelt wird, zu erkennen, wo ich stehe und was vielleicht meine nächsten Schritte sind.
Ich brauche nicht tief graben. Ich brauche mich nur umschauen oder das anschauen, was gerade an die Oberfläche gespült wird. Was habe ich erschaffen? Was ist da? Bin ich damit zufrieden oder darf ich was verändern und weiter in mir aufräumen?
So erlebe ich es. Wer weiß, vielleicht fällt irgendwann dieser Spiegel weg, wenn ich ganz da angekommen bin, wo keine blinden Flecken mehr vorhanden sind. Wenn ich ehrlich zu mir selbst und mit mir selbst bleibe, dann könnte das vielleicht geschehen. Ich weiß es nicht.
Aber ich weiß, dass es sich lohnt, all den Shit anzuschauen und ihn zu fühlen, wenn er sich zeigt. Denn nur wenn ich ihn wegräume, kann er weg bleiben. Nicht aber, wenn ich wegschaue, verdränge oder versuche, ihn unten zu halten. Er kommt ganz sicher bei nächster Gelegenheit wieder an die Oberfläche. Das hast du sicher schon erlebt. Und ich erzähle dir nichts Neues.
Und gerade in diesem Moment, in dem ich ans Bett gefesselt war, weil ich mich seit Tagen nicht bewegen konnte, war ich voll in diesem krassen inneren Aufräumprozess. Aber ich war die meiste Zeit zuversichtlich, im Vertrauen und Ängste hatten keine Chance, mich zu überwältigen.
Doch es war schwer, es fühlte sich immer wieder wie Sterben an. Ich hatte Phasen von Traurigkeit, in denen ich viele Tränen geweint habe und Phasen von Verzweiflung und totaler Leere ohne Halt, ohne irgendetwas, das mich hätte trösten können. Ich war sooo lebensmüde und so hilflos. Selbst der Gang zur Toilette war eine Tortour.
Und Richie konnte nicht so für mich da sein, weil auch er zeitgleich in krassen Prozessen steckte, die ihn auch körperlich schachmatt gesetzt hatten. Doch es war gut. Diese Stille mit mir selbst war so wichtig.
Ich hatte soo viel Zeit für Innenschau, Zeit fürs Fühlen, Zeit fürs Loslassen, Zeit für Sein in Zeitlosigkeit, Zeit, mich zu sammeln, Zeit für Heilung, Zeit, Angstprogramme und Gedankenschleifen immer wieder zu durchbrechen, Zeit, näher zu mir selbst zu gelangen. Zeit, mich immer wieder zu öffnen für das, was jetzt dran war.
Zeit, mich nicht abzulenken, Zeit für absolute Stille, Zeit für viel Schlaf, Zeit für bewusste Bewegungen, Zeit für Achtsamkeit und Langsamkeit. Und nach jeder inneren Arbeit, nach jedem Freiwerden von altem Mist freute ich mich auf die Zeit danach, die wieder wie ein neues Leben sein wird, weil Altes in mir stirbt und Neues in mir entsteht.
Ohne diesen schmerzvollen körperlichen Zustand und diese Tage des „Nichts-Tun-Könnens“ wäre ich niemals so tief in mich selbst hinabgesunken und hätte nicht diesen Schatz in mir entdecken können, der jetzt frei liegt. Mein Herz ist so weit und groß wie nie zuvor und meine Sinne sind sowas von geschärft.
Meine Dankbarkeit strahlt so kraftvoll und weit und meine Essenz leuchtet heller als jemals zuvor in diesem Leben. Jetzt fühle ich mich wie eine Mutter, die ihr Kind frisch geboren und all den Schmerz vergessen hat. Lediglich die Nachwehen erinnern sie, das sie etwas Großes durchgestanden hat und daran, wie wichtig auch die Geduld immer wieder ist.
Mit jedem zurück gewonnenen Bewusstsein entsteht mehr Klarheit und das Leben gewinnt an Qualität und Tiefe, die mit keinem Geld der Welt bezahlt werden könnte.
Ich will dir damit nicht zeigen, wie großartig ich bin. Ja, ich bin stolz auf mich, dass ich heute da bin wo ich bin. Glaube mir, das war viele Jahre nicht der Fall. Doch ich erzähle dir davon, weil ich dir Mut machen und dir sagen will: Es lohnt sich, deinen Körper ernst zu nehmen, ihm zu folgen, diese Kraft aufzuwenden, durch den Schmerz zu gehen, den Weg nach innen zu gehen.
Nichts lohnt sich mehr als das. Auch, wenn es alles andere ist als das, was wir doch eigentlich wollen. Es ist so ähnlich, wie: Die Belohnung kommt erst danach. Der Nachtisch kommt zum Schluss. Aber dieser Nachtisch, der geht dir nicht verloren, der bleibt.
Viele von uns vermeiden solche Prozesse. Sie lassen sie erst gar nicht entstehen. Aus Angst vor noch mehr Angst, vor der Hilflosigkeit, vor dem Schmerz. Aus Konditionierung, weil wir es nicht gelernt haben. Lieber die Bequemlichkeit, die Gewohnheit: Gang zum Arzt, Schmerztabletten, Spritzen, um schnell wieder fit zu sein, um schnell wieder zu funktionieren.
Als ob der Körper einfach nur ein Körper wäre, der ohne Grund nicht mehr funktioniert. Als ob die Psyche einfach nur schlapp macht, weil sie ne Funktionsstörung hat, die man beheben muss, wie ein schlecht funktionierendes Modell.
Viele lassen sich nicht auf ihren eigenen Heilprozess ein - auch aus Angst vor der Leere, die da entsteht in der Stille mit sich selbst. Angst vor den Schatten, die sich zeigen. Angst vor der Wahrheit, die sich offenbart. Es wird sehr still, wenn du der Wahrheit begegnest.
Die Welt da draußen ist sehr laut geworden. Doch in all dem Lärm verschwindet, was echt ist.
In der Stille mit dir kehrt deine Echtheit zurück. Wenn du dir wirklich begegnen willst, wenn du dieser in sich ruhende, friedvolle, angstfreie, weise und starke Baum werden willst, den kein Sturm mehr umhauen kann, scheue dich nicht, tiefer in den Spiegel zu schauen.
Die böse, oder besser verzweifelte und unglückliche Königin vor dem sprechenden Spiegel aus dem Märchen Schneewittchen - für mich steht sie für all die Menschen, die ihr wahres Inneres verdrängt haben und darauf hoffen, dass ihr äußerer Schein, ihre Macht, ihre materiellen Dinge, ihre Welt in Ordnung sein lassen.
Doch, was bleibt, ist die Angst vor der Wahrheit. Aber Wahrheit macht frei. Echtheit macht stark. Und Stärke macht mutig. Und Mut führt zu guten neuen Entscheidungen. Und gute neue Entscheidungen führen zu einem erfüllteren Leben.
Nun, ich will nicht zu sehr abschweifen. Es ist ein sooo großes Feld.
Lass uns zum Spiegel zurück kehren.
Übrigens bringen mir diese Prozesse auch noch etwas Erfreuliches, das ich nicht unerwähnt lassen will. Denn es ist wichtig.
Immer, wenn ich in meinen Bad-Spiegel schaue, lächeln mich dann nicht nur neue Augen an. Ich begegne meinem Spiegelbild mit mehr Liebe und Wertschätzung.
Unbezahlbar und mit keiner Kosmetik zu ersetzen!
Erinnere dich: Du hast mehr Einfluss auf deinen Spiegel, als dein Kopf denkt.
In Liebe
Olivia
