WELCHE GESCHICHTE WÜRDEST DU ERZÄHLEN ? – vollständiger Text
Kennst du das, wenn du vor lauter Suchen das Wesentliche völlig aus den Augen verlierst? Wie der Baum, der immerzu zu anderen Bäumen hochschaut auf der Suche nach sich selbst?
Darf ich dir die Geschichte erzählen?
Dieser Baum wuchs auf an einem dunklen Ort. Und viele Jahre lebt er dort und blickt, wie die anderen um ihn herum, in die Dunkelheit. Da steht er nun, inmitten all der Bäume, die er kennt. Die sagten ihm nie, was es außerhalb ihrer Welt noch gibt, weil sie immer schon da waren, wo sie immer noch stehen.
Sie sind nicht besonders groß gewachsen und sie sehen irgendwie alle gleich aus. Diese Bäume bleiben immer nur unter sich. Sie haben Tag für Tag, Jahr für Jahr dieselben Themen und Gewohnheiten. Die Dunkelheit scheint sie nicht sonderlich zu stören. Sie regen sich zwar immer wieder darüber auf, aber das ist schon eine liebgewonnene Gewohnheit geworden.
Der Baum jedoch fühlt sich irgendwie leer. Er wird unzufrieden. Und er stellt immer wieder Fragen, die die anderen Bäume ihm nicht beantworten können. Stattdessen merkt er, wie sie ihn ungläubig anschauen und schweigen. Sie finden ihn seltsam. Und er findet sich seltsam inmitten dieser Bäume.
Er fühlt sich nicht willkommen, nicht zugehörig und beginnt zu glauben, mit ihm stimme etwas nicht. Bald merkt er, wie seine Blätter anfangen, zu welken. Ihm fehlt die Kraft. Er wird schwächer und schwächer und zieht sich zurück. Er weiß nicht, was er hier soll. Warum er hier ist und welchen Sinn es haben sollte, überhaupt hier zu sein.
Doch eines Tages bemerkt er ein paar Sonnenstrahlen. Sie kommen zu ihm durch durch die Dunkelheit. Dieses Licht kommt von der anderen Seite, da wo es heller ist. Er hatte bisher nie dorthin geblickt, weil es hieß, dass das Licht nicht gut sei und man sich besser in der Dunkelheit aufhalten sollte.
Aber, als er merkt, wie gut ihm die Sonnenstrahlen tun und wie etwas in ihm lebendig wird, da spürt er zum ersten Mal, dass es da noch etwas geben muss, etwas, dass er in dieser Dunkelheit nicht finden kann.
Und dann hört er einen Baum sprechen, der sehr groß und kräftig ist. Er steht gar nicht so weit von ihm weg. Nie zuvor hatte er diesen imposanten Baum mit seiner ausladenden Krone gesehen und er ist fasziniert und saugt alles auf, was dieser Baum zu sagen hat, wie ein Schwamm.
Der Baum beschließt mutig, die dunkle Landschaft zu verlassen und geht immer den Sonnenstrahlen nach. Er begegnet vielen neuen Bäumen, die alle interessant und fröhlich aussehen, einzigartig, groß, bunt, lebendig. Er fühlt sich sehr wohl inmitten dieser Bäume.
Hier gibt es ganz andere Gespräche, andere Themen. Das macht ihn unglaublich lebendig. Er fühlt sich zugehörig. Seine Blätter und seine Äste füllen sich mit neuer Kraft.
Jahre vergehen und der Baum ist immer noch damit beschäftigt, den anderen Bäumen zu lauschen und sie zu bewundern. Wieder verliert sich sein Blick in die Krone seines Gegenübers und er fühlt sich, wie immer, wie ein kleiner Baum, der die anderen wissbegierig bewundert.
Und plötzlich stellt ihm dieser buntlaubige Baum, dem er gelauscht hat, eine Frage: Wer bist du eigentlich? Erzähle doch von dir? Welche Geschichten können wir von dir hören?
Der Baum erschreckt. Solche Fragen hat ihm noch nie jemand gestellt und … er hat keine Antworten. Seine Äste beginnen zu zittern und er stammelt ein paar lose Sätze. „Ich habe keine Geschichten. Ganz sicher keine, die euch interessieren. Ich höre lieber euch zu, denn ich habe viel zu lernen.
„So, meinst du? “, fragt ihn der Buntlaubige zurück. „Ich bin mir sicher, dass du all das Wissen, das du meinst, nochmal und nochmal hören zu müssen, längst in dir hast.“
Nach diesen eindrücklichen Worten zieht sich der Baum für einige Zeit in sich zurück, um über diese Worte nachzusinnen. Und er fühlt, dass es stimmt, was der Buntlaubige ihm mitgegeben hat. Immer, wenn er anderen lauschte, vergaß er sich selbst. Er fühlte sich stets wie ein leeres Blatt und glaubte, er müsse auch so werden, wie die riesigen, interessanten Bäume, die so viel Lebendigkeit versprühten mit ihren Geschichten.
Als er gedankenversunken durch die ruhige Landschaft spaziert, kommt er an einen stillen kleinen See. Dieser See ist so still, dass die Wasseroberfläche wirkt, wie eine einzige Spiegelfläche. Genau so still ist es um diesen See herum. Kein Vogel zwitschert, kein Windhauch, einfach vollkommene Stille. Und da sieht er vor sich auf der spiegelglatten Wasseroberfläche einen riesigen Baum mit einer wunderschönen ausladenden Krone vor sich und wundert sich.
Er schaut sich um, doch da steht kein solcher Baum. Ist das ein verzauberter See? Er blickt erneut auf die Spiegelfläche und da dämmert es ihm: Ich bin das? Ja, ich bin selbst einer von denen, die ich immer bewundert habe. Das war mir nicht bewusst. Und ja, in dem Moment ist er schon ein wenig überwältigt und es fühlt sich neu und befremdlich für ihn an.
Und da plötzlich, unter der Wasseroberfläche sieht er etwas schwimmen, ein Wesen mit großen Augen und einer magischen Stimme, die in sein Wesen eindringt: Ein Baum, der erkennt, wer er ist, darf sichtbar werden. Du hast viel zu geben. Die Welt braucht deine Geschichten. Dann ist es wieder mucksmäuschen still.
Sehr beeindruckt und auch überwältigt von dieser Erfahrung, die sein ganzes Wesen zu transformieren scheint, geht der Baum seines Weges und besinnt sich auf sein bisheriges Leben. Er erinnert sich bis zum Tag seiner Geburt - an all die Momente, Erlebnisse, Erfahrungen. Es sind eine ganze Menge und es gibt so einige Momente, in denen er sehr emotional wird. Doch dann beginnt er, aus all den vergangenen Erfahrungen seine Geschichten zu formen. Schöne Geschichten, traurige Geschichten, weise Geschichten.
Und überall, wo er hin kommt, erzählt er eine Geschichte. Andere Bäume hören ihm so gerne zu, wie er einst den großen Bäumen gelauscht hatte. Er wird mit der Zeit immer sicherer und es macht ihm Freude, es erfüllt ihn, denn er weiß jetzt, wie wichtig seine Geschichten für andere sind und sein werden. Vor allem den Bäumen, die in der Dunkelheit leben und so unzufrieden sind, wie er es einst war, macht er so viel Mut, dass auch sie sich wagen, ins Licht zu wandern um zu entdecken, wie vielfältig das Leben doch ist.
Na, wo stehst du? Wenn du dich in diesem magischen See betrachten würdest, wie würdest du dich erkennen? Was hast du zu geben? Sag nicht: Da ist nichts. Erinnere dich an den Buntlaubigen, der zu dem Baum sprach. Nimm’ dir doch auch immer wieder `mal Zeit für deine Innenschau. Blicke auf dein Leben zurück und erkenne, was du bis heute erkannt, erinnert, gelernt, geheilt und geschafft hast. Und dann frage dich: Welche Geschichten könnte ich jetzt den Menschen erzählen?
Erinnere dich: Du hast mehr zu geben als dein Kopf denkt!
Ich umarme dich
deine Olivia
