ZEIT IST WIE WASSER – vollständiger Text
Ich sehe eine Frau, wie sie schnellen Schrittes die Straße entlang geht, während ich am Strohhalm nippe und den eiskalten Fruchtsaft genieße. Mein Kopf will mich sogleich gedanklich entführen mit Fragen. Will diese Frau zur Arbeit? Hat sie einen Arzttermin oder eine Verabredung mit ihrer Freundin? Sie sah ernst aus und wirkte ein wenig gestresst….
Doch dann übernehme ich meine Gedankenwelt und lenke sie um. Während ein weiterer köstlicher eiskalter Schluck frisch gepresster Früchte in meinem Magen ankommt, denke ich: „Zeit ist wie Wasser“….
Dieser Satz kommt mir gerade in den Sinn, just in dem Moment, in dem ich mich wieder einmal frage: Wie habe ich damals Job, Hausputz, Gartenarbeit, Einkauf, Kinder, Nachbarschaft, Eltern, Kochen, Steuererklärungen und was weiß ich noch alles….zeitlich überhaupt bewältigt?
Würde ich das heute wieder genau so schaffen? Ich merke, wie meine Schultern kurz zucken, während ich wieder an meinem Strohhalm nippe.
Ganz sicher nicht – kommt als Antwort. Schon auch deshalb nicht, weil mir heute meine gesunden Grenzen bewusster sind und weil ich mein Stressprogramm namens Perfektionismus komplett verabschiedet habe.
Es scheint mir unmöglich, mir vorzustellen, wieder in diesem riesigen Netz von Verpflichtungen gefangen zu sein. Aber auch, weil ich das Gefühl habe, dass die Zeit so schnell vergeht, dass ich nur einen Bruchteil davon bewältigen könnte.
Ich genieße die letzten Schlucke meines eiskalten, frisch gepressten Fruchtsaftes und versuche mir die Zeit in einem Bild vorzustellen. Wie würde ich sie malen, die Zeit, die so abstrakt ist, dass sie in kein Schema passt?
Zeit ist und bleibt für mich ein echtes Phänomen. Damals schon habe ich mich nach einer Krankheitsphase oder nach meinem Urlaub gefragt, wie ich das wohl wieder hinkriege, wenn der gewohnte Alltag, die Arbeit wieder beginnt. Weil die Zeit anders tickte und der Alltag völlig anders ablief.
Doch sobald ich wieder voll in der Bewältigung meiner Pflichten angekommen war, hat die Zeit auch dafür wieder gereicht,wie durch Zauberhand. Faszinierend! Du kennst das sicher auch bei dir. Abgesehen davon, dass ich selbst zu kurz kam. Aber das ist hier nicht das Thema.
Also, für mich ist die Zeit nicht nur nicht greifbar, sondern auch etwas, dass nur auf der Uhr statisch wirkt. Doch in Wirklichkeit ist sie für mich wie Wasser.
Mal fließt sie schnell, mal langsam. Ich kann sie nicht greifen und sie passt sich, wie Wasser, scheinbar jeder Form, jeder Situation, jedem Gedanken irgendwie an.
Denke ich: Ich habe keine Zeit, dann ist das wahr. Dann stimmt das für mich, weil ich es dann so immer wieder erlebe.
Denke ich: Ich habe genug Zeit, dann stimmt auch das und bewahrheitet sich in meinem Leben.
Es fasziniert mich und bringt mich auch mehr und mehr der Wahrheit näher: Es gibt nur das JETZT!
Wie oft bin ich überall, nur nicht im JETZT?
Sitze beim Frühstück und denke schon an morgen.
Sitze beim Sonnenuntergang und schweife ab in die Vergangenheit.
Und dann kommt er, dieser Jetzt-Moment, weil gerade keine Gedanken da sind, der Kopf mal leer und still ist – für einige ewige Sekunden, magisch.
Die Zeit scheint still zu stehen, völlig losgelöst von jeglichen Kopfgedanken.
Alles, was jemals war, verliert sich in dieser unendlichen Weite. Die Zukunft – nicht greifbar, nicht von Belang. In diesem kraftvollen Moment der Zeit- und Gedankenlosigkeit, da ist alles, was IST, alles, was zählt, alles, was ich brauche.
Das ist der Moment, aus dem ich wahrhaft schöpfen kann für den nächsten Moment und für die gesamte Zukunft.
Was ist Zeit? Sie gehört zur konstruierten Illusion, in der wir unsere Wirklichkeit denken. Und sobald wir damit aufhören, öffnet sich ein Ausgang, der für gewöhnlich verschlossen bleibt.
Was ist Zeit für dich? Wie gehst du mit der Zeit um? Kennst du diesen Moment außerhalb der Zeit, dieses völlige Eintauchen ins Jetzt, das immer ist?
„Live is NOW – Future never comes“. Diesen Satz begreife ich immer besser.
Erinnere dich: Du hast mehr Zeit, als dein Kopf denkt.
Ich umarme dich,
deine Olivia
